STUDIE

Szenarien für den Tourismus in Bayern im Jahr 2040

Von Prof. Dr. Alfred Bauer, Prof. Dr. Marco A. Gardini und Prof. Dr. Guido Sommer, 2019

Im Rahmen des vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie geförderten Projekts „Szenarien für den Tourismus in Bayern im Jahr 2040“ war die Hochschule Kempten dazu aufgefordert Zukunftsszenarien zu entwickeln, die alternative Entwicklungen und mögliche Zukünfte des Tourismus in Bayern aufzeigen. Die Entwicklung dieser Zukunftsszenarien 2040 soll zu einem gemeinsamen Zukunftsverständnis aller Tourismusakteure aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik beitragen und als Basis für die zukünftige strategische Arbeit in der Bayerischen Tourismusbranche dienen.

Unsichere Entwicklungen

Die Megatrends wie demografischer Wandel, Digitalisierung, Mobilität, Klimaveränderung und Nachhaltigkeit machen auch vor Bayern nicht halt. In einem komplexen und dynamischen Marktumfeld stehen die Unternehmen ebenso wie Entscheider in Organisationen, Verbänden und Politik einer Vielzahl unsicherer Entwicklungen und offener Fragestellungen gegenüber.

Aus diesem Grund hat die Fakultät Tourismus-Management der Hochschule für angewandte Wissenschaften Kempten zusammen mit weiteren Projekteilnehmern Szenarien zu den zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten des Tourismus in Bayern entwickelt.

Szenarien sollen Orientierungsprozesse in Unternehmen und Organisationen gezielt unterstützen und so zu besseren Entscheidungen beitragen. Die hier entwickelten Szenarien beinhalten jedoch keine konkreten oder unmittelbaren Entscheidungsvorschläge für einzelne Unternehmen und Organisationen, sondern wollen die zukünftigen Entwicklungen und Herausforderungen aufzeigen, um diese mit allen Akteuren aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik gemeinsam proaktiv gestalten zu können.

Herangehensweise

Die in dieser Studie beschriebenen Szenarien sind in einem gemeinschaftlichen Entwicklungsprozess auf Basis der Methodik des Szenario-Management™ entstanden. Getragen wurde der Szenario-Prozess von insgesamt zwanzig Teilnehmern aus fünfzehn Unternehmen und Organisationen. Die Entwicklung der Zukunftsszenarien 2040 erfolgte dabei in vier Schritten. Aus diesen Analyse- und Entwicklungsschritten ergibt sich eine Zukunftslandkarte mit sieben deutlich voneinander abgrenzbaren Szenarien.

Sieben Szenarien für 2040

Das Projektteam hat insgesamt sieben Szenarien für den Tourismus in Bayern im Jahr 2040 erarbeitet. Diese werden nachfolgend zusammengefasst vorgestellt. Der Begriff “Szenario” wird umgangssprachlich sehr unterschiedlich verwendet. Im Szenario-Management™ verstehen wir darunter eines von mehreren systematisch entwickelten Zukunftsbildern, die in Kombination mit anderen Szenarien genutzt werde , um den “Raum der Möglichkeiten” zu beschreiben.

Szenario 1: “Schleichender Kontrollverlust”

Von Dritten gesteuertes, nicht-nachhaltiges Wachstum führt in Hotspots zum “Overtourism”

In einer dynamischen Welt verlieren Deutschland und seine Tourismusregionen schleichend den Anschluss an die florierenden Regionen, können sich allerdings noch auf dem guten Ruf der Vergangenheit ausruhen und positive Erträge erwirtschaften. Wie Heuschrecken überfallen Touristen die Hotspots und lassen den Wunsch nach Echtheit und Authentizität hinter sich. Die Akteure der Tourismusbranche leben im “Hier und Jetzt” und ignorieren die Herausforderungen der Zukunft. Die Bevölkerung in den Standorten leidet unter dem ungesteuerten Tourismusangebot.

Szenario 2: “Alles im Flow”

Bayerische Identität lockt europäische Touristen mit nachhaltigen Angeboten in die Hotspots

Deutschland und besonders Bayern verstehen sich als Tourismusdestination mit herausragender Bedeutung. Die positive Wirtschaftslage erlaubt Politik und Verbänden viele Instrumente einzusetzen, die diese Entwicklung beflügeln. Während ausländische Touristen gezielt an international berühmte Hotspots geleitet werden, erfreuen sich insbesondere die inländischen Touristen an den naturnahen Urlaubsdestinationen in der Fläche. Die hohe Anziehungskraft bayerischer Destinationen ist auch auf die Pflege bayerischer Identität und den Zusammenhalt von Bevölkerung und der Tourismusbranche zurückzuführen, welche ein authentisches Urlaubserlebnis möglich macht.

Szenario 3: “Digital Dirndl”

Agile Tourismusanbieter machen Bayern zum globalen Ziel für vornehmlich postmateriell orientierte Kunden

Wirtschaftliche Stabilität und Investitionen in die Zukunftssicherung, insbesondere bei der digitalen Infrastruktur, sichern den Wohlstand. Die anspruchsvollen Touristen präferieren authentische Destinationen sowie die Möglichkeit, umwelt- und sozialverträglich zu verreisen. In der stark digitalisierten Wertkette sind die bayerischen Wurzeln auch weiterhin Aushängeschild für viele Branchenakteure. Die Kooperationen aus großen und kleinen Akteuren bilden das Gerüst von nachhaltigen und innovativen Destinationen. Die zahlreichen Touristen aus nah und fern akzeptieren die Lenkungsmaßen an den Standorten, was auch in der Bevölkerung zu hoher Akzeptanz des Tourismus führt.

Szenario 4: “Neue Verträglichkeit”

Klimawandel zwingt Tourismus zu völlig neuen Ansätzen – Wachstum nur noch in der Flä-che

Gesellschaft und Staat handeln in Einklang für ein anspruchsvolles Ziel: Umwelt- und sozialverträgliches Wirtschaften soll die Zukunftsfähigkeit Deutschlands/Bayerns sichern. Die postmateriell eingestellten Touristen sind sich dabei ihrer Verantwortung bewusst und verändern ihre Lebensgewohnheiten, was sich auch beim Urlaubsverhalten zeigt. Den identitätsbewussten Akteuren der Tourismusbranche wird dabei einiges abverlangt, jedoch dominieren agile Unternehmen das Geschehen und erkennen durch die klare Ausrichtung auf Nachhaltigkeit Wettbewerbsvorteile gerade im Wettbewerb gegen Reiseziele fernab.

Szenario 5: “Macht der Algorithmen”

Umbruch der Tourismusbranche mit spezialisierten nachhaltigen und KI-gestützten Services in einer regionalisierten Welt

Die Geschwindigkeit, mit der neue Technologien, insbesondere im Bereich Digitalisierung und KI, traditionelle Wertketten verändern, ist rasant. Der Staat fokussiert sich auf übergeordnete Themenfelder und überlässt die Branchenentwicklung dem Markt. Gerade die postmateriellen Touristen fordern von den Akteuren der Branche, sich den neuen KI-Entwicklungen zu verschreiben und ganzheitlich gesteuerte Tourismusangebote in den Markt zu bringen. Authentizität und bayerische Identität spielen nur noch eine untergeordnete Rolle. Destinationen werden austauschbar und die Profilierung beschränkt sich überwiegend auf die Möglichkeit der Vernetzung optimierter Angebote.

Szenario 6: “Ausverkauf der Heimat”

Globale Tourismuskonzerne dominieren die Branche jenseits von Traditionen und Nachhaltigkeit

Klimaschutz und seine Auswirkungen bedrohen den Wohlstand Deutschlands. Maßnahmen, um dem entgegenzuwirken, bündeln allerdings alle Aufmerksamkeit, wodurch Themen wie Tourismusförderung ins Hintertreffen geraten. Der Zeitgeist lässt auch die Bevölkerung in Sachen Umwelt- und Sozialverträglichkeit umdenken. Jedoch wirkt es so, als würden Touristen im Urlaub bewusst Abstand vom Verzichtsdenken nehmen, um das Leben wenigstens hier in vollen Zügen zu genießen. Globale und auf KI spezialisierte Tourismuskonzerne übernehmen das Ruder und bieten Standardleistungen an, mit denen verwurzelte und identitätsnahe Akteure aus dem Markt getrieben werden.

Szenario 7: “Tourismus am Ende?”

Kritische Wirtschaftslage, verändertes Reiseverhalten und anspruchsvolle Kunden setzen althergebrachten Akteuren zu

Die schlechte wirtschaftliche Lage hat das Land und damit auch die Tourismusbranche im Griff. Man ist dem Klimawandel und seinen Folgen ausgeliefert und Maßnahmen dagegen verlaufen im Sand. Die Tourismusregion Bayern verliert im Ausland an Attraktivität und Gäste kommen überwiegend noch aus dem Inland, allerdings bei sinkender Anzahl. In der Branche wird lediglich versucht, den Status quo zu halten und innovative Konzepte werden hinten angestellt. Eine Überbeanspruchung der touristischen Ziele und Destinationen findet entsprechend nicht mehr statt – vielmehr gewinnen andere Destinationen im internationalen Wettbewerb an Bedeutung.

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