SZENARIO 4 – NEUE VERTRÄGLICHKEIT

KLIMAWANDEL ZWINGT TOURISMUS ZU VÖLLIG NEUEN ANSÄTZEN

Gesellschaft und Staat handeln im Einklang für ein anspruchsvolles Ziel: Umwelt- und sozialverträgliches Wirtschaften soll die Zukunftsfähigkeit Deutschlands und damit auch Bayerns sichern. Die postmateriell eingestellten Menschen sind sich dabei ihrer Verantwortung bewusst und verändern ihre Lebensgewohnheiten, was sich auch im Urlaubsverhalten zeigt. Den identitätsbewussten Akteuren der Tourismusbranche wird dabei einiges abverlangt, jedoch dominieren agile
Unternehmen, die die klare Ausrichtung auf Nachhaltigkeit als Erfolgsfaktor gerade im Wettbewerb gegenüber anderen Reisezielen erkennen.

ZUKUNFTSFÄHIGKEIT VON GROßER BEDEUTUNG

Zukunftsfähigkeit ist in Deutschland von größerer Bedeutung als kurzfristiger Profit. Der Staat übernimmt mehr Verantwortung, bietet mehr Grundleistungen und greift mit größerer Lenkungsfunktion ein. Die Bevölkerung übernimmt einen Teil der Kosten, indem die Abgabenlast erhöht wird, was für den Einzelnen aber nicht zu einer geringeren Lebensqualität führen muss. Es existiert Einvernehmen über eine gemeinsame nachhaltige Tourismusstrategie mit einer klaren Vision. Alle ziehen an einem Strang. Die nachhaltige Tourismusstrategie führt dazu, dass der bayerische Tourismus sehr gut auf die Auswirkungen des Klimawandels reagieren kann. Der Klimawandel wird zudem als Chance verstanden, um durch eigene Aktivitäten an Attraktivität gegenüber alternativen Regionen zu gewinnen.

NACHHALTIGKEIT ALS ENTSCHEIDUNGSKRITERIUM

Die vorwiegend postmateriell eingestellten Gäste wählen ihre Reiseziele bewusst nach nachhaltigen Aspekten aus und gestalten ihre Anreise umweltverträglich – häufig auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Dies gilt besonders für innerdeutsche Touristen sowie Gäste aus dem benachbarten europäischen Ausland. Tendenziell bleiben die Urlauber im Nahbereich und reisen innerhalb kleinerer Aktionsräume. Die durch flexible Arbeitszeitmodelle ansteigende verfügbare Freizeit erhöht die Möglichkeit, Urlaubsreisen zu machen. Es gelingt, bei breiter Verteilung auf alle touristischen Standorte, die Gästeströme zu lenken. Die Touristen fragen nach nachhaltigen Angeboten, greifen zielgerichtete Informationsangebote der Tourismusanbieter auf und konsumieren bewusster.

WIR ACHTEN AUF EFFIZIENZ UND NACHHALTIGKEIT

Die bayerischen Tourismusakteure sind agil und bewahren die Traditionen. Sie richten sich mit einem vielfältigen und differenzierten Angebot an ihren anspruchsvollen Gästen aus. Dabei achten alle Akteure darauf, effizient und nachhaltig zu wirtschaften und Ressourcen zu schonen. Die unversehrte Natur in Bayern wird als Lebens- und Wirtschaftsgrundlage erkannt und dementsprechend behandelt. Das Wachstum der Angebote in der Fläche steht im Einklang mit Klima- und Umweltschutz. Um Angebote zu gestalten und zu kommunizieren, werden digitale Möglichkeiten bis zu Künstlicher Intelligenz genutzt.

Risiko

RISIKEN FÜR DEN TOURISMUS IN BAYERN

Die Lücke zwischen einem beabsichtigten Verhalten und dem tatsächlichen Verhalten (»Attitude-Behaviour-Gap«) in Bezug auf Nachhaltigkeit besteht seit nahezu dreißig Jahren, und auch wenn es wahrnehmbare Veränderungen bei der Nachfrage nach nachhaltigen Tourismusprodukten gibt, schließt sich die Lücke nur sehr langsam.

Einkauf, Produktion und Absatz nachhaltiger und qualitativ hochwertiger Produkte ziehen höhere Kosten nach sich. Eine offene Frage bleibt, ob Gäste und Urlauber bereit sind, die Preise zu zahlen, die diese Umwelt- und Sozialverträglichkeit abbilden.

Schrittweise und kleinteilige Nachhaltigkeitsbemühungen der Tourismusbetriebe reichen zukünftig nicht mehr aus, um das enorme Wachstum der internationalen Tourismusindustrie ökologisch aufzufangen.

Der Tagestourismus im Nahbereich weitet sich aus, denn durch den höheren Freizeitanteil bei geringerer Bedeutung von Erholungsurlauben steigt die Nachfrage nach Ausflügen in die nähere Umgebung. Dies kann zu unerwünschten »Overcrowding-Effekten« führen.

Nachhaltigkeit wird vom Begeisterungs- zum Hygienefaktor im bayerischen Tourismus. Wenn alle diese Grundbedingung erfüllen müssen, verliert sie jedoch ihre Stärke als Differenzierungsfaktor im Wettbewerb.

Voraussetzung der erfolgreichen Umsetzung einer digitalen Tourismusagenda ist ein hohes Maß an technischer Kompetenz der Tourismusakteure. Die klein- und mittelständische Struktur der Tourismusbranche könnte sich hier als limitierender Faktor erweisen.

Chancen

CHANCEN FÜR DEN TOURISMUS IN BAYERN

Touristische Standorte diversifizieren ihr Angebot und bedienen die Bedürfnisse unterschiedlicher soziokultureller Gruppen. Bayern überzeugt durch seine Authentizität und hohe Qualität sowohl als Lebensraum als auch als Tourismusregion. Der Tourismus verteilt sich in die Regionen, die Steuerungsmaßnahmen funktionieren und führen damit zu hoher Akzeptanz in der Bevölkerung.

Projekte und Leistungsangebote, die konsequent Nachhaltigkeitskriterien umsetzen, anstatt nur die ökologischen Auswirkungen und Schäden touristischer Aktivitäten zu reparieren, auszugleichen oder zu begrenzen, werden für viele Tourismusakteure zunehmend attraktiver. So wollen Investoren sich in ihrem Anlageportfolio differenzieren, Betreiber mit hocheffizienten (und kostengünstigen) Gebäude- und Leistungskonzepten wirtschaften, und die Politik unterstützt die Akteure gezielt mit Blick auf die Erreichung nationaler und globaler Klimaziele.

Gewinner dieser Entwicklung werden agile Tourismusakteure sein, denen es gelingt, sowohl die digitale als auch die nachhaltige Agenda umwelt- und sozialverträglich zu gestalten und damit die Kunden- und Angebotshoheit über den anspruchsvollen und digital affinen Gast zu gewinnen.

Destinations-Marketing-Organisationen werden zu Destinations-Management-Organisationen und übernehmen über den marktorientierten Aspekt hinaus die Verantwortung für die Qualität regionaler Lebens- und Urlaubsräume.

Um den Tourismusstandort Bayern weiterzuentwickeln und zukunftsfähig zu machen, können gezielte staatliche Lenkungseingriffe dazu beitragen, die Handlungsspielräume und Möglichkeiten von Destinationen und Unternehmen – mit Blick auf die umwelt- und sozialverträglichen gesellschaftspolitischen Zielsetzungen – positiv zu beeinflussen.