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Schlagworte: Umfrage, Besucherlenkung, Tagesausflugsverkehr

Tagesausflugsverkehr und das Thema Besucherlenkung im Jahr 2021

Von Sybille Mederle, 10. Januar 2022

Wie bewerten bayerische Tourismusakteure den Tagesausflugsverkehr und das Thema Besucherlenkung im Jahr 2021? Dazu hat das Bayerische Zentrum für Tourismus Mitglieder der vier bayerischen Tourismusverbände im November und Dezember letzten Jahres befragt. Der Blick richtet sich dabei auf Probleme, die durch den Tagesausflugsverkehr verursacht wurden, aber auch darauf, welche Besucherlenkungsmaßnahmen bereits Wirkung gezeigt haben. Auch wurde versucht, eine Bilanz gegenüber dem Sommer 2020 zu ziehen. Über die Erfahrungen, die Lessons learned und den zukünftigen Handlungsbedarf, den die bayerischen Touristiker bei diesem Thema sehen, haben wir ebenfalls gesprochen. Die Antworten der 26 Teilnehmer haben wir hier in einem Stimmungsbild zusammengefasst.

Bayerische Tourismusakteure ziehen gemischte Bilanz

Neben Adjektiven wie “unkontrolliert”, “überlaufen”, „gereizt“ oder “rücksichtlos” bewerten bayerische Tourismusakteure das Tagesausflugsverhalten in Bayern auch als „freudig“, „herzlich“, „überraschend“, „lebendig“.

Häufigste Probleme: Verkehr, Verschmutzung und Konflikte zwischen Fahrradfahrern und Wanderern

Die Situation und die Bewertung der jeweiligen Probleme und Effekte des Tagesausflugsverkehrs ist regional und destinationsspezifisch unterschiedlich. Auf die Frage, welche Probleme im vergangenen Sommer hinsichtlich des Tagesausflugsverkehrs beobachtet werden konnten, waren die Rückmeldungen der Tourismusakteure heterogen.

Während vor allem städtische Destinationen wie München den fehlenden Tagestourismus beklagen und die Situation als „unterdurchschnittlich“, „unbefriedigend“ sowie „ruhig“ und „unproblematisch“ beschreiben, wurden das städtische Umland, ländliche Destinationen und bekannte Hotspots erneut sehr stark von Tagestouristen frequentiert. So wurde beispielsweise die Situation in der Ferienregion Grünten im Allgäu als „überfüllt“, „rücksichtslos“ und „gereizt“ beschrieben. Andernorts beschreiben Regionen den Tagesausflugsverkehr hingegen als „entspannt“, „überraschend“, „lebendig“, „positiv“ sowie „stabil“ und konnten wenige bis keine Probleme beobachten.

Viele bayerische Tourismusakteure nennen als immer wieder auftretende Probleme überfüllte Parkplätze, Staus, das Problem des Parksuchverkehrs, rücksichtsloses Parkverhalten in nicht ausgewiesenen Bereichen und in Landschaftsschutzgebieten sowie auf privaten Flächen von Einheimischen. Der Hinweis auf falsches Parkverhalten führte nicht überall zu einsichtigem Verhalten, sondern auch mancherorts zu Streitereien. Auch Müllhinterlassenschaften führten zu Unmut unter den Einheimischen und haben bedingt durch die zahlreichen To-go-Angebote der gastronomischen Betriebe noch zugenommen. Auch teilweise überforderte Gast- und Hüttenwirte hatte der boomende Tagesausflugsverkehr zur Folge. Oftmals, so die Befragten, informierten sich die Gäste nicht im Voraus und erwarteten andere oder längere Öffnungszeiten, was wiederum zu Beschwerden führe.

Ein weiterer Problembereich, neben den Verkehrs- und Müllproblemen, waren auch Konflikte an Hotspots zwischen Einheimischen und Touristen sowie rücksichtsloses Verhalten gegenüber Einheimischen. So führte beispielsweise der stark zunehmende Fahrradtourismus vielerorts zu Begegnungskonflikten zwischen Radfahrern und Wanderern beziehungsweise Spaziergängern.

Stellenweise kam es zu Problemen aufgrund von Coronaregelungen und damit einhergehenden Beschränkungen, die zu Diskussionen sowie erhöhtem Erklärungsbedarf über Einlassbedingungen, Ausübung des Hausrechts etc. führten. Das „Wegschicken“ von Tagestouristen, die im Voraus kein Ticket für Attraktionen oder kein Zeitfenster gebucht hatten, führte häufig zu Enttäuschungen. Die vielen Nachfragen von Besuchern erforderten zudem eine intensive Kommunikation. Darüber hinaus sei die Arbeit rund um den Ausflugsverkehr und die Besucherlenkung sehr personalintensiv gewesen.

Tagesausflugssituation teilweise entspannter als noch im Sommer 2020

Auf die Frage, wie sich der vergangene Sommer gegenüber dem Vorjahressommer 2020 entwickelt hat und ob ähnliche Overcrowding-Situationen wie im Vorjahr beobachtet werden konnten, sind die Antworten der befragten Tourismusakteure ebenfalls unterschiedlich. Die Mehrheit blickt auf einen insgesamt etwas entspannteren Sommer 2021 gegenüber 2020. Möglicherweise haben dazu auch die wieder möglichen Auslandsreisen im letzten Sommer beigetragen, so die Befragten. Mancherorts zeigten sich Tendenzen in Richtung eines „normaleren“ Besucheraufkommens ähnlich dem vor Auftreten der Corona-Pandemie. In der Alpenregion haben zumindest die in diesem Sommer nach Österreich geöffneten Grenzen teilweise zu einer Entlastung des Naturraumes beigetragen. Auch das wechselhafte Wetter im letzten Sommer hat gebietsweise einen Teil zur Entspannung geleistet.

In einigen Regionen, so die bayerischen Tourismusakteure, hat die gezielte Besucherlenkung Situationen entschärfen können; in anderen wiederum hat sie keine Wirkung entfaltet, sodass sich ähnliche Overcrowding-Effekte wie im Vorjahr zeigten. Was sich zeigt ist, dass die Besucher trotz der derzeitigen Coronasituation ein „Business as usual“ mit entsprechender Leistung von den touristischen Akteuren erwarten, was für die Akteure in der aktuellen Zeit, zum Beispiel hinsichtlich des Personals, nicht zu leisten ist.

Digitale Besucherlenkungsmaßnahmen zeigen Wirkung

Die Frage nach den Besucherlenkungsmaßnahmen, die in den einzelnen Tourismusregionen Wirkung gezeigt haben, beantworteten die befragten touristischen Akteure heterogen. Die Einführung von Online-Ticketing-Systemen und die Buchbarkeit von Zeitfenstern für Besuche, über die Teilnehmerbegrenzungen kontrolliert werden konnten, hat sich etabliert und größtenteils bewährt und wurden auch von den Gästen angenommen. Allerdings wurde auch genannt, dass Besucher, die spontan einen Ausflug machen oder an einer Aktivität teilnehmen wollten und vorher kein Ticket gebucht hatten, entsprechend weggeschickt werden mussten. Auch andere digitale Lenkungsmaßnahmen wie der zunehmende Einsatz von QR-Codes, virtuelle Stadtrundgänge oder detailliertere Stadt- und Lagepläne, hatten einen positiven Beitrag zur Gästelenkung. Der vermehrte Einsatz von Beschilderungen, Informationsbannern an Ortseingängen, zusätzlichen Ausschilderungen von Parkplätzen und Hinweise auf weitere Parkflächen sowie regionsspezifische Informations- und Aufklärungskampagnen wurden gut aufgenommen und haben zur Sensibilisierung der Besucher beigetragen.

Die Plattform „Ausflugsticker Bayern“ wurde positiv bewertet und hat dazu beigetragen, etwa bei ausgelasteten Parkplätzen auf Alternativen verweisen zu können. Angemerkt wurde jedoch, dass die manuelle Pflege der Daten aufwändig sei und keine dauerhafte Lösung darstellen könne.

Einige Regionen griffen auf Absperrungen der straßenbegleitenden Grundstücke zurück, um den Problemen des Wildparkens entgegenzuwirken. Auch wurde genannt, dass die Schaffung zusätzlicher Wohnmobilparkplätze das Wildparken stellenweise verhindern konnte.

Vermehrt wurden Parkplätze mit Parkautomaten bestückt und Personal zur Verkehrsüberwachung eingesetzt. Die gezielte Verkehrsüberwachung an den Hotspots hat möglicherweise teils zu zivilisierterem Parkverhalten der Besucher geführt, so einige der befragten Tourismusakteure. Das Personal in Präsenz an den Parkplätzen hat sich als hilfreich erwiesen. Jedoch wurde auch festgestellt, dass eine Parkraumbewirtschaftung als lenkende Maßnahme unter Urlaubern und Tagestouristen eine höhere Akzeptanz aufweise als unter Einheimischen. Auch Nutzungsverbote kamen zum Einsatz, so wie am Infinity Pool in Berchtesgaden am Königssee, der durch behördliche Anordnung gesperrt wurde.

Modellprojekte zum Einsatz von Parkleitsystemen und der Reduzierung des Parksuchverkehrs wurden umgesetzt beziehungsweise auf den Weg gebracht. Vielerorts blieb an ausgewählten Tagen und zu Stoßzeiten die Parksituation dennoch angespannt und der Parksuchverkehr schwer steuerbar. Die Lenkungsmaßnahmen konnten die temporären Verkehrsprobleme nicht vermeiden.

Positiv hervorgehoben wurde seitens der touristischen Akteure die gute Zusammenarbeit mit den Städten, Gemeinden oder zuständigen Ämtern. So haben beispielsweise die teils ermöglichten Vergrößerungen der außengastronomischen Flächen aufgrund aktuell geltender Corona-Maßnahmen zu einer erfolgreichen Entzerrung des Gästeaufkommens innerorts beigetragen.

Aufgrund der schlechten Besucherfrequenz in Städten konnte hierzu nahezu keine Aussage getroffen werden, inwieweit lenkende Maßnahmen Wirkung gezeigt haben.

Besucherlenkung notwendig für einen zukunftsfähigen Tourismus

Welche Learnings nehmen bayerische Tourismusakteure aus den beiden vergangenen Jahren mit in die Zukunft? Die Erkenntnis lautet: Die Menschen zieht es verstärkt in die Natur, Freizeitaktivitäten im Freien erfreuen sich zunehmender Beliebtheit, Kapazitäten und Nutzungsflächen haben sich verändert und damit werden die Probleme, die der Tagesausflugsverkehr mit sich bringt, nicht wieder von allein verschwinden. Die bayerische Tourismuswirtschaft sieht sich aufgefordert hier nachhaltige und zukunftsfähige Lösungen finden.

Von besonderer Bedeutung wird es dabei sein, Tagesgäste künftig vor Antritt des Tagesausfluges online – etwa über Apps – schnell und transparent zu informieren und damit erfolgreich zu lenken. Der Ausbau von Parkleitsystemen wird für die Zukunft als sehr wichtig erachtet und hier fordern die befragten Touristiker verstärkte Unterstützung seitens der Politik. Auch ein hochwertig und attraktiv ausgebauter ÖPNV, der die Ausflugsziele gut zugänglich macht, ist zwingend notwendig, um der Verkehrsproblematik nachhaltig entgegenzuwirken und Alternativen zum Individualverkehr mit dem Auto zu schaffen. Gegebenenfalls – so die Überlegungen der Touristiker – müssen direkte Zufahrtswege für den Autoverkehr gesperrt werden, um die Menschen zum Umsteigen auf den ÖPNV zu bewegen. Kommunikations- und Marketingmaßnahmen sollten hinsichtlich verschiedener Aspekte überdacht werden und Fragen wie „Wer wird angesprochen?“ oder „Was soll kommuniziert werden?“ müssen dabei in die Planung miteinbezogen werden. Weiterhin ist es notwendig, zusätzliche Attraktionen und Alternativen zu schaffen, um Hotspots zu entlasten und einen nachhaltigen und widerstandsfähigen Tourismus zu ermöglichen.

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