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Schlagworte: Zielgruppen und Märkte

Workation und Bleisure Travel – Reisetrends mit Zukunft?

Von Cathrin Schiemenz, 19. Juli 2021

Bedingt durch die Corona-Pandemie hat das Arbeiten im Homeoffice mit flexiblen Arbeitsmodellen stark zugenommen – sofern die Tätigkeit dafür infrage kommt. Für viele Büromitarbeitende – außerhalb des produzierenden Gewerbes, des Handels, des Gastgewerbes – wird die Arbeitswelt auch in Zukunft hybrider sein – zwischen individuell wählbaren Homeoffice- und Bürotagen.

Das hat zur Folge, dass Arbeits- und Privatleben beziehungsweise Arbeits- und Lebensort in bestimmten Berufsgruppen zunehmend miteinander verschmelzen. Durch die Möglichkeit bestimmter Berufsfelder ortsungebunden arbeiten zu können, kann der Berufstätigkeit auch an einem Urlaubsort nachgegangen werden. Wortschöpfungen wie „Workation“ und „Bleisure“ (AIEST 2020) beschreiben diesen Trend sprachlich.

Chancen für die Hotellerie

Für die Hotellerie bietet die zunehmende Flexibilisierung des Arbeitsortes die Chance, dem Gast die Rahmenbedingungen zu bieten, damit dieser im Urlaub oder am Urlaubsort auch dem Beruf nachgehen kann. Der Komfort eines Beherbergungsbetriebs kann als förderliche Arbeitsatmosphäre angepriesen werden. Der Gast profitiert vom entspannenden Umfeld, den Annehmlichkeiten einer Unterkunft und kann mit entsprechender technischer Ausstattung ohne Schwierigkeiten seinen beruflichen Aufgaben nachgehen.

Dabei bietet die Hotellerie die Möglichkeit, Menschen während des Aufenthaltes bei ihrer Work-Life-Blending (Vereinbarkeit von Hauptjob, Nebenerwerb und Familie) zu unterstützen (New Work 2018, S. 8; Pioch et al. 2020, S. 32). In der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen nennen 45 Prozent, dass sie manchmal an ihre Grenzen kommen, Arbeit, Familie, Freunde und Freizeit zu vereinen. Zugleich nennen über 60 Prozent der häufig gestressten Personen, Rückschmerzen/Verspannungen und Erschöpfung als Belastungen (New Work 2018, S. 25).

Die Ansprüche des Gastes sind vielfältig

Zudem zeigen Umfragen, dass beim Reisen das Bedürfnis nach Natur und Entschleunigung groß ist. Der Reisende möchten immer seltener Gast sein. Reisende möchten mit dem Ort und den Einheimischen in Verbindung treten, Verbundenheit zum Reiseziel spüren, neue Erfahrungen sammeln und damit auch ein gewisses Heimatgefühl im Urlaub verspüren und dies auch während einer Geschäftsreise (Stichwort: Resonanztourismus). So wird beispielsweise auch vom Convention Bureau Tirol im Trendbericht 2020/21 betont, dass „Wellness for your soul“, also das Bedürfnis nach gesundem Essen, körperliche Betätigung und das Bewusstsein für psychisches und physisches Wohlbefinden, auch in der MICE-Branche eine immer größere Rolle spielen.

Geschäftsreisende werden zu Urlaubsgästen

Eine Person, die sich aus beruflichen Gründen an einem Ort aufhält, kann vor, nach und während der Geschäftsreise zum Urlaubsgast werden. Dies betrifft auch Geschäftsreisende, die sich aus dienstlichen Gründen über einen längeren Zeitraum an einem Ort aufhalten.

Die Hotellerie im MICE-Segment kann durch ein erweitertes Angebotsportfolio (zum Beispiel Freizeit-, Ausflugs-, Kultur- oder Wellness-Angebote) Geschäftsreisenden Anreize geben, den Aufenthalt um zusätzliche Tage zu verlängern (Bleisure Travel). Uwe Schulze-Clewing, Geschäftsführer des Holiday Inn in München Unterhaching, sieht einen zunehmenden Trend für Bleisure Travel: Dabei hebt er hervor, dass mit Bleisure Travel die Reiseaktivitäten effektiver und damit nachhaltiger genutzt werden und für Unternehmen das Angebot ein wichtiges Bindungs- und Motivationsinstrument sei.

71 Prozent der Geschäftsreisenden haben schon einmal eine berufliche Reise für private Zwecke verlängert beziehungsweise Partner*in/Familie/Freunde*innen mitgenommen oder nachgeholt, so ein Ergebnis der Studie „Chefsache Business Travel 2020“. Unter Geschäftsführer*innen liegt der Anteil bei 92 Prozent. Dabei bevorzugen die Geschäftsreisenden zu 48 Prozent den privaten Aufenthalt vor dem geschäftlichen, unter Geschäftsführer*innen liegt der Anteil bei 55 Prozent und unter Geschäftsreisenden zwischen 18 und 39 Jahren bei 63 Prozent. 57 Prozent der Geschäftsreisenden nutzen die Verlängerung der Geschäftsreise, um eine neue Umgebung kennenzulernen oder eine Stadt zu erkunden.

Dem Vorteil von Bleisure Travel, günstig die Welt kennenzulernen und andere Orte zu erkunden, stimmen 81 Prozent („voll und ganz“ oder „eher“) zu. Zudem wird die Ergänzung von privaten Tagen von über drei Viertel der Befragten zur Steigerung der Bereitschaft zur Geschäftsreise und der Produktivität gesehen. 54 Prozent sind der Meinung, dass die private Verlängerung von Geschäftsreisen durch die Generation Z (geborene ab 1995) wichtiger wird. Auch wird die Bedeutung von Sharing-Angeboten (wie Car-Sharing oder Home-Sharing) mit der Generation Z bei Geschäftsreisen zunehmen.

In diesem Zusammenhang ist die wachsende Beliebtheit von Serviced-Apartments zu nennen, die ebenfalls Angebote im Bleisure-Bereich (Beispiel) haben.

Die durch die Pandemie nahezu zum Erliegen gekommenen Geschäftsreisen werden wieder zunehmen – wenn auch möglicherweise nicht auf das Niveau von vor der Pandemie, da – so der Arbeitspsychologe Hannes Zacher im Gespräch mit Handelsblatt – persönliche Treffen für längerfristige Geschäftsbeziehungen unerlässlich sind. Laut der aktuellen VDR-Barometerumfrage von Ende Juni werden über 50 Prozent der befragten Unternehmen, die Notwendigkeit von Geschäftsreisen zukünftig sehr wahrscheinlich sorgfältig prüfen, aber zugleich geben 44 Prozent an, dass sie die Durchführung von (mehr) Geschäftsreisen für dringend nötig halten, 19 Prozent verneinen dies.

Workation, Bleisure Travel und Gesunderhaltung

Die Gesunderhaltung von Mitarbeitenden (Schaff 2019, S. 320). ist in Zeiten von Arbeiten 4.0 ein wichtiges Aufgabengebiet von Unternehmen. Bloom et al. (2017) betont, dass schon Spaziergänge und Entspannungsübungen in Pausen während eines Arbeitstages zur Linderung von Arbeitsbelastungen und zum Wohlbefinden der Mitarbeitenden beitragen. Dabei zeigt sich jedoch auch, dass beide Interventionen für eine nachhaltige Steigerung des Wohlbefindens längerfristig verfolgt werden müssen. Eben solche Impulse kann ein Workation-Aufenthalt geben.

Eine zunehmende Bedeutung erlangt Workation aber möglicherweise, wenn ein solcher Aufenthalt durch den/die Arbeitsgeber*in im Sinne der betrieblichen Gesundheitsförderung finanziert wird. Zum einen verlieren Arbeitgeber*innen, den Mitarbeitenden in der Zeit des Aufenthaltes nicht als Arbeitskraft, bieten ihm aber durch die gebuchte Unterkunft an einem Urlaubsort zugleich die Möglichkeit, sich nach der „digitalen“ Arbeitszeit der körperlichen und seelischen Gesundheit widmen zu können, um dann gestärkt in den Arbeits- und Lebensalltag zurückzukehren.

Weiterer Trend – Coworking

Damit werden – so wie es im #Impuls4Travel Manifest unter dem Punkt „Das Leben neuer Arbeits- und Reiseformen“ formuliert ist – „neue, vom Tourismus entwickelte hybride Orte für Freizeit, Arbeit, Konsum, Kultur und Kreativität“ geschaffen.

In die Neudefinition von Orten können auch Coworking-Spaces, eine Form von Shared-Workspace, eingeordnet werden. Laut der Studie „Chefsache Business Travel 2020“ nutzten bereits 49 Prozent der Befragten ein externes Büro, 29 Prozent wären bereit, ein solches Büro zu nutzen. Gemäß einer Umfrage von Deskmag sind 69 Prozent der Meinung, dass in der Post-Corona-Zeit die Zahl der Coworking-Spaces steigen wird.

Fazit

Workation wird vermutlich ein Randphänomen bleiben, weil es lediglich für eine begrenzte Gruppe von Angestellten und Selbstständigen möglich ist, ortsunabhängig zu arbeiten und zudem auch die finanziellen Mittel bereitstehen müssen, einen solchen Aufenthalt zu finanzieren. Möglicherweise zählt dazu die Gruppe der Multi Performer*innen (13,4 Prozent der deutschen Bevölkerung) (New Work 2018), für die – insbesondere durch die digitalisierte Welt – Freizeit und Beruf gar nicht so deutlich voneinander zu trennen sind. Expedia stellte zuletzt eine gestiegene Nachfrage nach Aufenthalten zwischen 15 und 30 Tagen fest. Die Mehrheit der Deutschen möchte am Urlaubsort aber weiterhin wirklich ausschließlich Urlaub machen: 68 Prozent der Deutschen checken im Urlaub beispielsweise keine Arbeits-E-Mails oder -Nachrichten.

Deutlich bedeutender scheint der Aspekt, dass zukünftig zum einen Arbeitstage am Urlaubsort vor oder nach einem Urlaubsaufenthalt ergänzt werden, zum Beispiel, um vor oder nach dem digitalen Arbeitstag noch am Urlaubsort, zum Beispiel mit der Familie, zu sein und zum anderen der Trend zum Arbeiten in einem Coworking-Space, wenn Firmen zunehmend Büroflächen kündigen und Wohnungen keinen geeigneten Arbeitsplatz zum Homeoffice bieten. Dieser Trend ist nicht nur in Großstädten zu beobachten, sondern auch in ländlicheren Regionen.

Auch wird der Trend, Geschäftsreisen mit einem privaten Aufenthalt zu verbinden, an Bedeutung gewinnen. Insbesondere durch die Generation Z wird sich die Ausgestaltung von reinen Geschäftsreisen mehr in Richtung Bleisure Travel verschieben.

Ausgewählte Beispiele

Literaturverzeichnis

  • AIEST (Ed.) (2020): The future of tourism with and potentially after SARS-CoV-2. Continuous small steps and drawbacks towards a temporary new “normal”. St. Gallen. Verfügbar unter: https://www.aiest.org/fileadmin/ablage/dokumente/Covid-Reports/Report_20200925_Tourism_Future_II.pdf, abgerufen am: 24.06.2021.
  • Bloom, Jessica de; Sianoja, Marjaana; Korpela, Kalevi; Tuomisto, Martti; Lilja, Ansa; Geurts, Sabine; Kinnunen, Ulla (2017): Effects of park walks and relaxation exercises during lunch breaks on recovery from job stress: Two randomized controlled trials. In Journal of Environmental Psychology 51, S. 14–30. DOI: 10.1016/j.jenvp.2017.03.006.
  • New Work (2018). In Zukunftsinstitut GmbH (Ed.): Megatrends. Dokumentation.
  • Pioch, Sebastian; Lutsch, Peter; Benad, Juliane (2020): Sidepreneurship. Nebenberufliches Unternehmertum – eine Einführung. 1. Aufl. 2020. Wiesbaden: Springer Gabler (essentials).
  • Schaff, Arnd (2019): Arbeit 4.0: Risiken für die psychische Gesundheit. In Burghard Hermeier, Thomas Heupel, Sabine Fichtner-Rosada (Eds.): Arbeitswelten der Zukunft. Wie die Digitalisierung unsere Arbeitsplätze und Arbeitsweisen verändert. Wiesbaden, Germany: Springer Gabler (FOM-Edition), S. 303–322.