SZENARIEN

Schlagworte: Tourismuszukunft, Städtetourismus, Zielgruppen und Märkte

Die Zukunft des Städtetourismus in Bayern

Städte und Städtetourismus stehen vor großen infrastrukturellen, ökologischen und ökonomischen Herausforderungen. Während Klimawandel, Nachhaltigkeit, Mobilität, Digitalisierung, Wohnraumknappheit etc. grundlegende Zukunftschancen und Probleme der Urbanisierung und Stadtentwicklung benennen, kämpfen viele städtische Top-Destinationen mit verschiedensten Overcrowding- und Überlastungseffekten, wie der Touristifizierung von Wohngebieten, der Kriminalität, dem Verkehrsinfarkt, der Vermüllung usw., was wiederum zunehmend Widerstände in der Bevölkerung hervorruft. Darüber hinaus ist der Städtetourismus seit zwei Jahren in besonderer Weise durch die COVID-19-Pandemie betroffen. So wurden und werden seit Beginn der Krise Innenstädte von einheimischen Besuchern, Tagestouristen, Städtetouristen sowie Geschäfts- und Kongressreisenden weniger frequentiert; der Einzelhandel – wie auch Beherbergungs- und Gastronomiebetriebe – stehen aufgrund hoher Inzidenzen, Hygiene- und Abstandsvorschriften, phasenweisen Schließungen sowie der Konkurrenz durch den Online-Handel vor großen Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund hat das Bayerische Zentrum für Tourismus im Jahr 2021 ein Projekt aufgelegt, das zum Ziel hatte, Zukunftsszenarien zu entwickeln, die alternative Entwicklungen und mögliche Zukünfte des Städtetourismus in Bayern aufzeigen.

Die vorliegenden Szenarien sind in einem Szenarioprozess auf Basis der Methodik des Szenario-Managements entstanden, der gemeinschaftlich von uns und der ScMI AG Paderborn moderiert wurde. In mehreren Workshops hat ein interdisziplinäres Szenarioteam, bestehend aus verschiedenen Expert*innen und Tourismusverantwortlichen aus bayerischen Städten sowie der Tourismuswissenschaft, seine unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen eingebracht und damit maßgeblich dazu beigetragen, vielfältige und qualitativ wertvolle Ergebnisse hervorzubringen. Im Spannungsfeld zwischen Chance und Risiko ergeben sich aus diesem Szenarioprozess acht verschiedene Szenarien, die in der Landkarte der Zukunft vier verschiedene Szenarientypen verkörpern.

Landkarte der Zukunft

Szenarien für die Zukunft des Städtetourismus in Bayern – vier Szenarientypen

Boom-Szenarien

Dieser Szenariotyp ist getrieben durch einen hohen Freizeit- und konstant hohen Geschäftstourismus in bayerischen Städten. Die Szenarien 1 „Boom der kleinen Auszeiten“, 2 „Tourismus als Treiber der Stadtentwicklung“ und 3 „Integriertes Bleisure-Wachstum“, die diesem Typ zugeordnet sind, zeichnen sich in unterschiedlichen Abstufungen durch eine besonders starke Relevanz und Akzeptanz des Tourismus bei allen relevanten Stakeholdern der Stadt aus. Der Städtetourismus ist aktiver Teil einer integrierten Stadtentwicklung, in der Wirtschaftsinteressen, Lebensqualität für die Bevölkerung, Umweltaspekte und Attraktivität für Besucher der Stadt zusammen gedacht werden.

Freizeit-getriebene Szenarien

In diesem Szenariotyp dominiert der Freizeittourismus die bayerischen Städte, während der Geschäftstourismus eine deutlich geringere Rolle spielt. In den Szenarien 4 „Zu Gast bei Freunden“ und 5 „Fremdgesteuerter Freizeitboom“ prosperiert die bayerische Wirtschaft und die Städte profitieren davon. Während sich jedoch in Szenario 4 die bayerischen Städte zu nachhaltigen Lebenszentren entwickelt haben, in denen die offene Stadtbevölkerung gerne Touristen an dem Leben in ihrem Umfeld teilhaben lässt, dominiert in Szenario 5 die rein kommerzielle Ausrichtung, wo die Städte die Bedeutung des Städtetourismus als Wirtschaftszweig erkennen und in Folge umfangreich investieren. Hierbei unterwerfen sie sich weitestgehend den Strategien touristischer Anbieter, was jedoch von der Bevölkerung akzeptiert wird.

Business-getriebene Szenarien

Diesem Szenariotyp ist das Szenario 8 „Vorfahrt für Geschäftsreisetourismus“ zugeordnet, das sich durch einen konstant hohen Geschäftstourismus in Verbindung mit geringem Freizeittourismus in bayerischen Städten auszeichnet. In diesem Szenario verstehen sich bayerische Städte primär als Wirtschaftsstandorte und investieren auch entsprechend. Sie wollen ein gutes Umfeld für ihre florierenden Unternehmen bieten und den ansässigen Firmen einen Rahmen bieten, in dem sie gut wirtschaften können und geeignete Arbeitskräfte finden. Eine gute Infrastruktur und Lebensqualität für die Menschen, die zum Arbeiten vor Ort leben, hat aus diesen Gründen Priorität, eine Ausrichtung auf Freizeittouristen findet kaum statt.

Rückgangs-Szenarien

Dieser Szenariotyp ist getrieben durch einen geringen Freizeit- und einen deutlich reduzierten Geschäftstourismus in bayerischen Städten. Allerdings unterscheiden sich die beiden Szenarien 6 „Bewusster Slowdown“ und 7 „Leere Kulissen“ in Bezug auf die Gründe für den Rückgang. Während in Szenario 6 die bayerischen Städte sich aus eigenem Selbstverständnis zu „Slow Cities“ entwickeln, in denen eine erfolgreiche Stadtentwicklung nicht an quantitativen Größen gemessen wird, sondern eher an der Lebensqualität und Zufriedenheit der eigenen Stadtbevölkerung, leiden in Szenario 7 die Städte unter dem Rückgang, spielen doch in einem wirtschaftlich allgemein kritischem Umfeld weder Freizeit- noch Geschäftsreisetourismus eine entscheidende Rolle und so überlassen die Städte die verbleibenden Touristen und die Branchenakteure in der Stadt zunehmend sich selbst.