Geförderte Projekte 2020/2021

Aus zehn eingereichten Forschungsanträgen wurden für das Jahr 2020 durch ein Begutachtungsgremium aus Vertreterinnen und Vertretern des Praxisbeirats, des wissenschaftlichen Beirats und der Leitung des Bayerischen Zentrums für Tourismus vier Projekte für die Förderung ausgewählt. Start der Forschungsprojekte war September 2020 mit einer Laufzeit von 12 Monaten, die Fördersumme je Projekt betrug 50.000 Euro.

Nachhaltige Destinationsentwicklung im Freistaat Bayern: Partizipative Ansätze für eine größere Tourismusakzeptanz?

Im Projekt „Nachhaltige Destinationsentwicklung im Freistaat Bayern: Partizipative Ansätze für eine größere Tourismusakzeptanz?“ werden – basierend auf den Erkenntnissen der aktuellen Tourismusforschung und unter Einbeziehung der im Projekt gewonnenen Erkenntnisse – die relevanten Prozesse und Bereiche der Bürgerbeteiligung in der Tourismus- und Destinationsplanung identifiziert. Darauf aufbauend werden Instrumente für eine dauerhafte und erfolgreiche Bürgerbeteiligung für ausgewählte Destinationen erarbeitet, im Projektverlauf erprobt und implementiert. Eine verbesserte Bürgerbeteiligungskultur soll dem Ziel einer nachhaltigen Destinationsentwicklung und der Steigerung der Tourismusakzeptanz bei der einheimischen Bevölkerung dienen. Die erarbeiteten Projektergebnisse fließen in praxisorientierte Handlungsleitfäden ein. Diese Leitfäden können nach einer entsprechenden Anpassung und Berücksichtigung der jeweiligen Gegebenheiten in weiteren bayerischen Destinationen bei der Gestaltung der Bürgerbeteiligungsprozesse in Wert gesetzt werden.

Die COVID-19-Pandemie hat im Projektverlauf dazu geführt, dass es, insbesondere in Bezug auf die in Präsenz geplanten Workshops, zu Verzögerungen gekommen ist. Bisher wurde eine umfangreiche Analyse zur Tourismusakzeptanz bei den Einheimischen in den drei Modellregionen (Stadt und Großraum München, Tölzer Land und Fränkisches Seenland) mittels eines Fragebogens mit quantitativen und qualitativen Elementen durchgeführt. Ebenso sind auf Basis von Literaturrecherche und der vorangegangenen Analyse bereits zahlreiche qualitative Interviews in den drei Modellregionen geführt und mit Hilfe der GABEK-Methode ausgewertet worden. Zusätzlich wurden mit einer Literaturrecherche die in der Praxis etablierten Beteiligungsmodelle identifiziert. Zurzeit werden die bereits erhobenen quantitativen und qualitativen Daten im Projektteam ausgewertet.

Im Frühjahr 2022 finden die geplanten Workshops statt. In den Workshops werden die Modelle der Bürgerbeteiligung diskutiert und gemeinsam Handlungsempfehlungen für die beteiligten Destinationen entwickelt.

Zum Abschluss des Projekts wird ein Praxisleitfaden erarbeitet, der Destinationen Hilfestellung bei der Gestaltung von Bürgerbeteiligungsprozessen gibt. Die Projektbeteiligten versprechen sich davon eine nachhaltige Erhöhung und Sicherung der Tourismusakzeptanz in den Modellregionen und darüber hinaus.

Prof. Dr. Marcus Herntrei (Technische Hochschule Deggendorf, European Campus Rottal-Inn)
Prof. Dr. Markus Pillmayer (Hochschule für angewandte Wissenschaften München, Fakultät für Tourismus)
Prof. Dr. Nicolai Scherle (FOM Hochschule für Oekonomie und Management, Hochschulzentrum München)
Dr. Viachaslau Nikitsin (Technische Hochschule Deggendorf, European Campus Rottal-Inn)

Der abschließende Projektbericht liegt noch nicht vor.

Innovative Geschäftsmodelle und neue Wertschöpfungsketten im Rahmen einer resilienten Destinationsentwicklung

Das Projekt „Innovative Geschäftsmodelle und neue Wertschöpfungsketten im Rahmen einer resilienten Destinationsentwicklung“ widmet sich der Frage, wie Strukturen und Strategien im bayerischen Tourismus so auszurichten sind, dass diese einerseits möglichst resilient sind, und andererseits gezielt die coronainduzierten Veränderungs- und Transformationsprozesse aufgreifen. Es verwendet einen Mix aus verschiedenen methodischen Ansätzen. Unter anderem werden neben einer umfangreichen Literaturrecherche explorative Interviews mit 15 zentralen Stakeholdern sowie eine quantitative, zweistufige Delphi-Befragung im Zuständigkeitsbereich des Tourismusverbandes Franken e.V. durchgeführt, der als Untersuchungsraum exemplarisch als eine der vier bayerischen Tourismusregionen fungiert.

Der Frankentourismus hat mit einem Umsatz von 10,5 Mrd. Euro und 177.000 Beschäftigten im Jahr 2019 eine hohe wirtschaftliche Relevanz in Franken. Im Jahr 2020 weist die Statistik insgesamt 14.925.908 (-41,1 %) Übernachtungen und 5.629.266 (-48,6 %) Gästeankünfte aus. Noch deutlicher zeigt sich dieser Einbruch durch die Corona-Pandemie bei den internationalen Reisenden mit -62 Prozent Übernachtungen und -68 Prozent Gästeankünften. Mit diesem Einschnitt erreicht der Frankentourismus den Jahresstand 1990 sowie einen ausgefallenen Umsatz von fast 4 Mrd. Euro (Tourismusverband Franken e.V., 2020).

Die Corona-Pandemie ist vor diesem Hintergrund ein Weckruf-Ereignis und wirkt als Katalysator für Aspekte der Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Diese Zeit sollte dazu anregen, um Transformationen und Innovationen anzutreiben. So gilt es diesbezüglich, digitale Lücken zu schließen und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, die stärker auch die lokale Bevölkerung in die touristische Wertschöpfung einbezieht.

Theoretisch greift die aus dem Projekt entstandene Studie das Wirkungsgefüge von Geschäftsmodellen auf, verdeutlicht die Wichtigkeit von regionalen Wertschöpfungsketten sowie die von Innovation und Nachhaltigkeit in Geschäftsmodellen von Destinationen und stützt sich auf die Resilienz als Kompetenzfaktor einer zukunftsorientierten touristischen Destinationsentwicklung. Das Hauptziel besteht darin, Entwicklungs- und Gestaltungsmöglichkeiten von Geschäftsmodellen und Wertschöpfungsketten für den fränkischen Tourismus zu identifizieren und zu analysieren, wie diese den veränderten Rahmenbedingungen gerecht werden und zugleich zu einer resilienten Destinationsentwicklung beitragen können.

Auf Grundlage der einschlägigen Literatur leitet das Projektteam das Konzept der Resilienz als einen zentralen konzeptionellen Ansatz der Destinationsentwicklung ab. Megatrends wie Globalisierung, Klimawandel und demographischer Wandel, aber auch die Corona-Pandemie sind einige Treiber, die sich auf die Resilienz von Destinationen auswirken. Derartige Einflüsse gefährden die Beständigkeit von Systemen und zeigen deren Verletzlichkeit und Krisenanfälligkeit auf. In diesem Zusammenhang kann Resilienz dabei helfen, neue Sichtweisen auf Veränderungs­prozesse und Herausforderungen zu entwickeln, um sich frühzeitig mit Zukunftsfragen auseinanderzusetzen und unterschiedliche Handlungs- und Gestaltungsoptionen im Blick zu behalten.

Nach den Projektergebnissen unterstreicht die Corona-Pandemie, dass touristische Geschäftsmodelle unter Berücksichtigung des Innovationsparadigmas kontinuierlich auf sich verändernde Rahmenbedingungen reagieren sollten beziehungsweise müssen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit sicherzustellen. Zwei zentrale Elemente sind dabei ein proaktives Stakeholder-Management sowie eine Nachhaltigkeitsorientierung, welche Tourismus als regionales und zugleich branchenübergreifendes Netzwerk betrachtet. Dies kann in der Folge als eine Grundlage für die Diversifikation von Werteketten innerhalb touristischer Destinationen gesehen werden. Ein Ansatz für künftige Destinationsentwicklung ist dabei die Intensivierung von lokalen beziehungsweise regionalen, zugleich kooperativ ausgestalteten Wirtschaftskreisläufen.

Die verschiedenen Methoden aus explorativen Interviews und den Delphi-Befragungen führen zu Ergebnissen, die in der abschließenden Analyse zum Testen und Bewerten von Thesen, unter anderem zur Kooperation, Koordination, Organisation und Kommunikation im Jahr 2025, herangezogen werden. Exemplarisch werden hier die Ergebnisse der qualitativen Interviewreihe wiedergegeben.

Bestimmte Aspekte steigern die Resilienz von Unternehmen und Destinationen, weshalb diese zukünftig stärker eingebunden werden sollten:

  • Kooperationen und Netzwerke wirken resilienzfördernd.
  • Steigende Agilität von Unternehmen führt zu einer steigenden Resilienz.
  • Resilienz ist auch abhängig von einzelnen Personen und (Führungs-)Persönlichkeiten.
  • Insbesondere Lern- und Anpassungsfähigkeit spielen eine wichtige Rolle für Resilienz.

Um anpassungsfähig im Kontext des Tourismus zu sein, ist es wichtig, einen Schritt weiter oder vorauszudenken, Angebote zu verändern und neue Angebote zu schaffen, die mit den veränderten Rahmenbedingungen abgestimmt sind. Dabei ist die Annahme einer Krise ein wichtiger Schritt, um zukunftsfähige Anpassungen vornehmen zu können.

Die Studie leistet einen spezifischen Beitrag zur zukünftigen Destinationsentwicklung. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie sind zum einen die Ergebnisse für die Tourismuspraxis relevant, um in einer Phase der betrieblichen und gesellschaftlichen Herausforderungen Geschäftsmodelle zu überdenken und neu auszurichten. Zum anderen zeigt das Forschungsprojekt im Rahmen der Fallstudie der Destination Franken auf, welche Anpassungsmechanismen entscheidend sind und bietet so einen Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs.

Prof. Dr. Harald Pechlaner (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Lehrstuhl für Tourismus und Zentrum für Entrepreneurship)

STIBS: Smart Tourism in Bayerns Städten – Situation und Perspektiven

Wie „smart“ ist der bayerische Städtetourismus? Das ist die Kernfrage des STIBS-Projektes, das mit leitfadengestützten Experteninterviews (DMOs, Mobilitätsanbieter, Akteure aus dem Kunst- und Kulturbereich und MICE-Segment) und quantitativen Fragebögen (n=112) in den fünf bayerischen Städten Augsburg, Ingolstadt, München, Nürnberg, Regensburg entsprechende Aktivitäten und Planungen der befragten Akteure untersucht. Im Mittelpunkt stehen dabei unter anderem der Technologieeinsatz, der Einfluss der Covid-19-Pandemie, die Datennutzung oder die Vernetzungsstrukturen zwischen den Akteuren.

Smarte Technologien, die in verschiedene Objekte wie Gebäude oder Verkehrsinfrastruktur integriert werden, bilden die Basis des Smart Tourism. Im bayerischen Städtetourismus wurden zwar erste technologische Bausteine bereits realisiert, jedoch begrenzen sie sich im Wesentlichen auf Websites, Social Media, WiFi, Videos und Apps. Komplexere Technologien wie Augmented und Virtual Reality, NFC, Serious Games, Beacons oder Chatbots werden hingegen nur äußerst selten und Künstliche Intelligenz sogar überhaupt nicht eingesetzt. Begründet wird die Zurückhaltung beim Einsatz solcher Technologien unter anderem mit zu hohen Kosten und fehlenden Kosten-Nutzen-Abwägungen, Schwierigkeiten bei der Umsetzung in die Praxis durch fehlende Infrastrukturen sowie generellen Unsicherheiten und Misstrauen gegenüber neuen Technologien (wie Robotik und Künstliche Intelligenz), die als sehr abstrakt und wenig greifbar wahrgenommen werden.

Allerdings bestehen Unterschiede zwischen den fünf bayerischen Städten und den heterogenen Akteuren. So liegt zwar in allen fünf Städten ein starker Fokus auf den zuvor genannten Webseiten, WiFi, Social Media und Videos, aber während in Ingolstadt und Regensburg darüber hinaus keine weiteren Technologien eingesetzt werden, kommen in Augsburg und München neben Apps auch Virtual Reality, Chatbots und NFC zum Einsatz. Die größte Vielfalt an technologischen Anwendungen zeigt allerdings Nürnberg: Neben Apps, Augmented und Virtual Reality, Chatbots, NFC, Beacons und Serious Games wird sogar Automatisierung und Robotik genutzt. Insbesondere im Kunst- und Kulturbereich werden – und zwar in allen untersuchten Städten – vielfältige Technologie (Augmented und Virtual Reality, Beacons, Serious Game etc.) eingesetzt, während die DMOs übereinstimmend eher die Akteure im MICE-Bereich als Vorreiter bei digitalen Angeboten vermuten. Insbesondere im Zuge der Covid-19-Pandemie hätten sie frühzeitig Anpassungsstrategien und entsprechende digitale Veranstaltungen entworfen, die auch in Zukunft benötigt werden, weil ein Vorkrisenniveau in diesem Segment wohl nicht mehr erreicht werde.

Ein weiterer zentraler Bestandteil von Smart-Tourism-Aktivitäten ist die Auswertung und Verarbeitung großer Datenmengen (Big Data). Im bayerischen Städtetourismus gibt es einige Akteure, die bereits erste Ansätze zur Datensammlung und -auswertung implementiert haben. So werden etwa Auslastungsstatistiken zum Beispiel in Form von verkauften Tickets, Zugriffszahlen z. B. auf Homepages oder Apps oder Auswertungen von Social-Media-Beiträgen bereits genutzt. Die Vielzahl der Anbieter, die solche Daten noch nicht nutzen, begründen das mit fehlenden personellen und finanziellen Ressourcen, den strengen Datenschutzrichtlinien, dem Zweifel am Nutzen personalisierter Daten oder an der Notwendigkeit in der Sammlung und Auswertung entsprechender Informationen. Folglich gibt es bislang im bayerischen Städtetourismus keinen Anbieter oder Akteur, der eine automatisierte Auswertung von Nutzerdaten zur Entwicklung optimierter oder individueller Angebote praktiziert.

Zentral für den Smart Tourism ist der Austausch der Daten zwischen den verschiedenen Akteuren. In allen bayerischen Städten fehlen derartige Open-Data-Strukturen, die Daten der Leistungsträger sammeln und ihnen wiederum uneingeschränkt und frei zugänglich bereitstellen, bisher gänzlich. Die stärksten Vernetzungen finden sich innerhalb der Städte. Die DMOs pflegen diese lokalen Netzwerke, koordinieren kommunale Akteure und privatwirtschaftliche Leistungsträger (Hotellerie, Gastronomie, Mobilität etc.) und stoßen durch Workshops zu digitalen Themen einen Austausch zwischen den Akteuren an. Die Netzwerke innerhalb der Städte werden von einigen Akteuren aber auch als noch ausbaufähig beschrieben, wenn beispielweise keine einheitlichen Datenpools zur Verfügung stehen oder der Zugriff auf aktuelle Daten nicht möglich ist. Auch Vernetzungen zwischen Akteuren der gleichen Branche (besonders häufig im Kunst- und Kulturbereich) spielen im bayerischen Städtetourismus eine wesentliche Rolle. Ein starker Austausch besteht dabei vor allem zwischen Museen und Kultureinrichtungen (z. B. Theater), um voneinander bei digitalen Angeboten zu lernen oder gemeinsam Vortragsreihen und Aktionen zu organisieren. Die Vernetzungen über die Stadtgrenzen hinaus (z. B. Deutsche Zentrale für Tourismus, BayTM) geben zudem eine Vielzahl von Digitalprojekten vor, an denen sich die lokalen Akteure beteiligen können. Und auch in Städtepartnerschaften beziehungsweise Netzwerken (z. B. Magic Cities, Historic Highlights of Germany, Deutscher Städtetag) wird das Thema Digitalisierung intensiv diskutiert.

Corona hat im bayerischen Städtetourismus zu erheblichen Nachfrageeinbußen geführt. Dennoch wird die Pandemie von den meisten befragten Akteuren auch als Chance begriffen, da sie digitale Angebote erfordert habe. Viele Einrichtungen hätten zwar entsprechende Projekte bereits vor Covid-19 geplant, eine praktische Umsetzung wäre jedoch ohne Corona in absehbarer Zeit nicht erfolgt. Erst durch die Pandemie wurde eine Vielzahl an neuen Angeboten (z. B. digitale Führungen, kontaktloses Bezahlen) innerhalb kürzester Zeit ermöglicht und bestehende Digitalformate weiter ausdifferenziert (z. B. Automatisierung der Baggage Drop-off Counter, Stadtführungen mit VR-Technologie oder interaktive Homepages). Zudem sind Touristen durch die Pandemie digitalen Themen gegenüber mittlerweile auch deutlich aufgeschlossener und coronabedingte Förderungen hätten schließlich auch eine schnelle technische Umsetzung technologischer Projekte erst ermöglicht.

PD Dr. Markus Hilpert (Universität Augsburg, Institut für Geographie, Lehrstuhl für Humangeographie und Transformationsforschung)

Der abschließende Projektbericht liegt noch nicht vor.

IBIS hot – Entwicklung eines intelligenten Besuchermanagement-Informations-Systems für touristische Hotspots in Bayern

Der Tagestourismus wird allgemein als Hauptverursacher von Overcrowding und Hotspotsituationen identifiziert. Gleichzeitig sichert die Nachfrage durch Tagesgäste nachweislich die Existenz vieler Gastronomie-, Einzelhandels- und Dienstleistungsbetriebe sowie von Freizeit- und Kultureinrichtungen. Ländliche Destinationen in Bayern sind durch den coronabedingten Freizeitdruck aus den Ballungsräumen stärker ins Blickfeld gerückt. Nicht mehr nur bekannte Einzelstandorte wie Neuschwanstein oder die Zugspitze sind Gegenstand punktueller Verkehrs- und Besucherlenkung, sondern unterschiedliche Destinationen sehen die Notwendigkeit, sich für eine nachhaltige Tourismusentwicklung mit Rückhalt in der eigenen Bevölkerung aktiv mit Initiativen zur Verkehrslenkung und Schaffung von Mobilitätsalternativen zum privaten PKW auseinanderzusetzen.

Dieses Projekt erarbeitet deshalb Grundlagen für eine datenbasierte Analyse von Hotspots und zur Planung von Besucherlenkungsmaßnahmen in ländlichen Destinationen. Dies soll unter anderem bayerische Destinationen dabei unterstützen, mit einem von Fakten gesteuerten Besuchermanagement künftigen Overtourism-Diskussionen besser entgegenwirken zu können. Dabei steht für die Projektverantwortlichen die Frage im Mittelpunkt, welche Datenquellen beziehungsweise Daten sich zur Identifizierung der unterschiedlichen Arten touristischer Hotspots eignen. Als mögliche Ansatzpunkte sind hier exemplarisch zu nennen: Ankunfts- und Übernachtungszahlen pro Einwohner beziehungsweise touristisch genutzter Fläche, Ein- und Auspendlerdaten, Tagesreisevolumen, Besucherzahlen von Freizeiteinrichtungen, Zweitwohnsitze, Airbnb-Einheiten etc.

Das Kernstück der Arbeit ist die Erstellung einer frei zugänglichen Datenbank, die Daten beziehungsweise Datenquellen zur Beschreibung unterschiedlicher Arten von Hotspotsituationen auflistet. Dafür werden Datenquellen klassifiziert und in ihren wesentlichen Eigenschaften für die Hotspotanalyse und die Besucherlenkung einander gegenübergestellt. Zudem werden ausgewählte Datenquellen beschrieben und deren Aussagekraft für spezifische Hotspotsituationen und die Besucherlenkung beispielhaft visualisiert. Abschließend erfolgt eine vergleichende Bewertung dieser Datenquellen hinsichtlich unterschiedlicher Kriterien.

Die gewonnenen Erkenntnisse basieren im Wesentlichen auf Expertengesprächen im Jahr 2021 mit spezifischen Dienstleistungsunternehmen im Bereich Datenlieferung und -management sowie Experten, die digital unterstützte Besucherlenkung implementieren.

Um für die Situationsanalyse einer Region oder eines Standortes Frequenzen von Besuchern und Mobilitätsbewegungen zu erhalten, stehen grundsätzlich verschiedene Datenquellen, insbesondere aus der Tourismus- und Mobilitätsstatistik, zur Verfügung. Aber auch auf Ergebnissen spezifischer Marktforschung im Bereich Urlaubs- und Tagesreisen oder das Mobilitätsverhalten der Bevölkerung kann zurückgegriffen werden. Dabei scheint die Entwicklung immer neuer digitaler Datenquellen, wie die der Mobilfunkdaten oder des so genannten Floating Car Data (FCD), die bisher durch konventionelle Marktforschungsmethoden gekennzeichnete Datengewinnung zu Tourismus- und Mobilitätsthemen schrittweise zu revolutionieren. Die folgende Abbildung gibt einen Überblick ausgewählter Datenquellen, eingeordnet nach relevanten Eigenschaften für die Besucherlenkung.

Abbildung: Ausgewählte Datenquellen, eingeordnet nach relevanten Eigenschaften für die Besucherlenkung (Quelle: dwif 2021)

Abbildung: Ausgewählte Datenquellen, eingeordnet nach relevanten Eigenschaften für die Besucherlenkung (Quelle: dwif 2021)

Im Rahmen der Projektarbeit werden die verschiedene Datenquellen, die für die Analyse von Hotspots zur Verfügung stehen, in folgende übergeordnete Kategorien eingeordnet:

  • Rahmendaten zur Kalibrierung, Segmentierung und Modellbildung
  • Digitales Echtzeit-Management durch Sensorik-Daten, Online-Ticketing, WiFi-Frequenzmessungen
  • Problemanalyse und Prognostik durch „Big Data“
  • Vom Planungstool zur Echtzeit-Lenkung: Verkehrssensorik
  • Web-Kennzahlen, Content-analyse, Navigations- und Outdoorplattformen zur Lenkung landschaftsbezogener Aktivitäten

Zudem werden Vor- und Nachteile zusammengefasst und anhand von Fallbeispielen ihre Aussagefähigkeit zu verschiedenen Aspekten der Besucherlenkung visualisiert. Keine der Quellen ist für sich allein genommen ausreichend, um alle auftretenden Fragen zu beantworten und Grundlagen für jede Form der besucherlenkenden Maßnahme zu legen. Ein gangbarer Ansatz liegt meist in der Kombination von Datenquellen und darin, bereits existierende Quellen zu ergänzen.

Das Projekt liefert zusammenfassend einen Überblick über alle betrachteten Datenquellen und vergleicht diese noch einmal anhand dreier Kategorien, die die Aussagekraft ihrer Daten wesentlich beeinflussen. Das erste Bewertungskriterium „Erfassungskreis“ beschreibt den Umfang und den Aussagegehalt der Datenquelle, in Bezug auf ihren generellen „Scope“ und/oder die zugrundeliegende Grundgesamtheit. Das zweite Kriterium „Entwicklungen/ Modellbildung“ bewertet die Fähigkeit einer Datenquelle, Entwicklungen abzubilden und damit Zeitreihen zu liefern, die es erlauben, kombiniert mit anderen Faktoren Modelle zu bilden. Das letzte Kriterium „Besucherlenkung/Echtzeit/Granularität“ bewertet die Datenquelle in Hinsicht auf deren spezifische Eignung für die akute Besucherlenkung. Hier spielen die zeitliche Komponente und die räumliche Auflösung der Messgrößen eine Rolle. Zudem wird eine Einschätzung der potenziellen künftigen Bedeutung einer Datenquelle für die akute Besucherlenkung gegeben. Dabei besteht zum Teil ein Spannungsfeld zwischen dem theoretischen Potenzial in der Zukunft und der aktuell nur begrenzt möglichen praktischen Anwendung. Bei vielen, insbesondere den neueren Datenquellen wie etwa den Mobilfunkdaten oder App-Daten, steht die methodische Erschließung für touristische Fragestellungen noch am Anfang. Hier ist oft auch noch nicht geklärt, ob sich für das Anwendungsfeld Tourismus sogenannte „Use Cases“ erarbeiten lassen – also bezahlbare, von Destinationen zu erwerbende Marktforschungsprodukte für Besucherlenkungszwecke.

Dr. Philipp Namberger (LMU München, Department für Geographie, Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie und Tourismusforschung)
Dr. Bernhard Harrer (dwif e. V.)
Dr. Andrea Möller (dwif e. V.)