Geförderte Projekte 2020/2021

Aus zehn eingereichten Forschungsvorhaben wurden für das Jahr 2020 durch ein Begutachtungsgremium aus Vertreterinnen und Vertretern des Praxisbeirats, des wissenschaftlichen Beirats und der Leitung des Bayerischen Zentrums für Tourismus vier Projekte für die Förderung ausgewählt.

  • Nachhaltige Destinationsentwicklung im Freistaat Bayern: Partizipative Ansätze für eine größere Tourismusakzeptanz?

Wie kaum eine zweite Branche ist die Tourismusbranche in den letzten Jahrzehnten von einem Rekord zum nächsten geeilt: Immer mehr Menschen sind unterwegs, die Umsätze steigen, und die Räume, die einer touristischen Erschließung noch nicht zum Opfer gefallen sind, werden zunehmend seltener. Diese Entwicklungen haben in den letzten Jahren eine Diskussion hinsichtlich des Phänomens Overtourismus in Gang gesetzt, das die negativen Seiten eines weitgehend grenzenlosen Tourismus widerspiegelt, insbesondere zunehmende Vorbehalte seitens der lokalen Bevölkerung, überlastete Infrastrukturen und negative Auswirkungen auf Klima und Umwelt.

Selbst die jüngeren Implikationen einer global diffundierten Epidemie – Stichwort Corona – führen nicht dazu, dass die Widerstände gegenüber einer zunehmenden Touristifizierung der Alltagsstrukturen abreißen. In diesem Zusammenhang sei auf die ansteigende, Corona-induzierte touristische Mobilität verwiesen, die sich in Naherholungsgebieten im Einzugsbereich urbaner Agglomerationen ergibt. Will man entsprechenden, ausgesprochen komplexen Herausforderungen gerecht werden, bedarf es – angesichts einer avisierten nachhaltigen Tourismusentwicklung – einer forcierten Partizipation der betroffenen Bürgerinnen und Bürger.

Das Projekt geht der zentralen Frage nach, wie Beteiligungsmodelle in den beteiligten Destinationen zu gestalten sind, damit diese den spezifischen kultur-und wirtschaftsraumspezifischen Anforderungen entsprechen können. Die erarbeiteten Projektergebnisse sollen in einen praxisorientierten Handlungsleitfaden einfließen.

Prof. Dr. Marcus Herntrei (Technische Hochschule Deggendorf, European Campus Rottal-Inn)
Prof. Dr. Markus Pillmayer (Hochschule für angewandte Wissenschaften München, Fakultät für Tourismus)
Prof. Dr. Nicolai Scherle (FOM Hochschule für Oekonomie und Management, Hochschulzentrum München)
Dr. Viachaslau Nikitsin (Technische Hochschule Deggendorf, European Campus Rottal-Inn)

  • Innovative Geschäftsmodelle und neue Wertschöpfungsketten im Rahmen einer resilienten Destinationsentwicklung

Die Coronakrise trifft den Tourismus in besonderem Maße und konfrontiert die Akteure innerhalb der Branche mit einer Vielzahl an Herausforderungen. Kurz- und mittelfristig spiegelt sich dies unter anderem in einer eingeschränkten Mobilität und angespannten Finanzierungslagen einzelner Akteure und Betriebe wider. Auf lange Sicht werden zudem etablierte Grundstrukturen und touristische Praktiken auf den Prüfstand gestellt, wenn beispielsweise als Spätfolge der Pandemie die Interaktion zwischen Gästen und Einheimischen beziehungsweise Dienstleistern Veränderungen unterliegt oder etablierte Wertschöpfungsketten der Touristik hinterfragt werden müssen, weil traditionelle Geschäftsmodelle durch die aktuelle Krise ihre Schwächen erkennen lassen und durch die jetzt massiv einsetzende Digitalisierung neue Wege beschritten werden müssen, um Produkte zu entwickeln und zu digitalisieren sowie neue Vertriebsoptionen zu schaffen. Fragen der Nachhaltigkeit und Resilienz werden durch die Krise gerade in Bereichen wie Konsum, Mobilität und Wertschöpfungskreisläufen zunehmend diskutiert und in die Angebotsentwicklung Eingang finden.

Um über die einzelbetriebliche Ebene hinausgehend auch in Zukunft die Attraktivität der Destination Bayern gewährleisten zu können, ist es von elementarer Bedeutung, Perspektiven für einen auch in einer Post-Corona-Zeit wettbewerbsfähigen Tourismus zu identifizieren und entsprechende Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Dabei gilt es, die zugrundeliegenden Strukturen und Strategien im bayerischen Tourismus mittel- bis langfristig so auszurichten, dass diese einerseits möglichst resilient und damit krisenfest sind und andererseits auch gezielt die durch die Corona-Pandemie induzierten Veränderungsprozesse aufgreifen. Vor diesem Hintergrund bewegt sich das Projekt in einem sich gegenseitig bedingenden Bezugsrahmen von nachhaltigkeitsorientierten und weiterentwickelten Geschäftsmodellen, zukünftigen Wertschöpfungsketten und -architekturen sowie resilienter Destinationsentwicklung. Stellvertretend für den bayerischen Tourismus wird im Rahmen der empirischen Projektphase der Fokus auf den Zuständigkeitsbereich des Tourismusverbandes Franken (TV Franken) als eine der insgesamt vier bayerischen Tourismusregionen gelegt.

Prof. Dr. Harald Pechlaner (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Lehrstuhl für Tourismus)

  • STIBS: Smart Tourism in Bayerns Städten – Situation und Perspektiven

Im Zuge der digitalen Transformation hat sich das Destinationskonzept in jüngster Zeit erheblich gewandelt. Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) haben den traditionellen Rahmen des Tourismus verändert und den Begriff der „Smartness“ in Destinationen eingeführt. Mit dem Forschungsprojekt „STIBS – Smart Tourism in Bayerns Städten“ will die Arbeitsgruppe Standortentwicklung an der Universität Augsburg einen empirisch begründeten Beitrag zu den derzeitigen und geplanten Smart Tourism-Aktivitäten in bayerischen Städten leisten. Im Fokus des Projekts steht daher die Kernfrage: Wie „smart“ ist der bayerische Städtetourismus?

Um die Forschungsfrage adäquat zu beantworten, werden in fünf ausgewählten Städten die eingesetzten Technologien und die beteiligten Akteure erfasst, Gemeinsamkeiten und Unterschiede identifiziert und der Stand der Umsetzung und der weiteren Planungen bewertet sowie international kontrastiert. Daraus werden konkrete Handlungsempfehlungen für die bayerische Praxis in Verwaltung und Wirtschaft abgeleitet. Da smarte Technologien im Tourismus auch eingesetzt werden, um beispielsweise Crowding-Effekte (übermäßige Ansammlung von Personen an einem Ort) zu vermeiden, wird auch der Einfluss der COVID-19-Pandemie auf den Ausbau entsprechender Hard- und Softwaresysteme im Städtetourismus untersucht.

PD Dr. Markus Hilpert (Universität Augsburg, Institut für Geographie, Lehrstuhl für Humangeographie und Transformationsforschung)

  • IBIS hot – Entwicklung eines intelligenten Besuchermanagement-Informations-Systems für touristische Hotspots in Bayern

Allgemeines Ziel des Forschungsprojekts ist es, die Grundlagen für ein intelligentes (d. h. zielgerichtet, digital, dynamisch, in Echtzeit) Besuchermanagement-Informations-System für touristische Hotspots in Bayern zu erarbeiten. Dieses soll wiederum helfen, touristische Hotspots in Bayern zu identifizieren, um (Tages-)Tourist/-innen (bzw. auch die Bewohner/-innen Bayerns) letztendlich intelligent steuern zu können.

Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, welche Daten­quellen bzw. Daten sich zur Identifizierung der unterschiedlichen Arten touristischer Hotspots eignen. Als mögliche Ansatzpunkte sind hier exemplarisch zu nennen: Ankunfts- und Über­nachtungs­zahlen pro Einwohner bzw. touristisch genutzter Fläche, Ein- und Auspendler­daten, Tagesreisevolumen, Besucherzahlen von Freizeiteinrichtungen, Zweitwohnsitze, Airbnb-Ein­hei­ten etc.

Die rasante Entwicklung von sozialen Medien und ortsbezogenen Diensten hat dies­be­züglich eine Vielzahl von Geo-Daten – z. T. in Echtzeit – hervorgebracht, die helfen können, (Netz­­werke von) Hotspots zu identifizieren und entsprechende touristische Aktivitäten besser zu ver­stehen (z. B. Daten von Online-Kartendiensten, Mobilfunkanbietern oder Navigationsgeräte­her­stellern). Der Mehr­wert des Projekts entsteht v. a. aus der vergleichenden sowie typisierenden Betrachtung.

Ziel ist es, allgemeingültige Aussagen für strukturell vergleichbare Teilräume bzw. Arten von Hotspots abzuleiten, wobei neben objektiv messbaren Daten auch die subjektive Wahr­nehmung sowohl der Tourist/-innen als auch der Bewohner/-innen Berücksichti­gung findet. Das Untersuchungsgebiet ist das gesamte Bundesland Bayern, womit sowohl städtisch geprägte als auch ländlich strukturierte Regionen mit ihren unterschiedlichen Arten von Hotspots ein­bezogen werden.

Dr. Philipp Namberger (LMU München, Department für Geographie, Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie und Tourismusforschung)
Dr. Bernhard Harrer (dwif e. V.)
Dr. Andrea Möller (dwif e. V.)

Start der Forschungsprojekte ist September 2020 mit einer Laufzeit von 12 Monaten, die Fördersumme je Projekt beträgt 50.000 Euro.