GEFÖRDERTES PROJEKT 2025/2026

Schlagworte: Agrotourismus, Künstliche Intelligenz

Der Einsatz Künstlicher Intelligenz im Agrotourismus: Eine Akzeptanz- und Potentialanalyse

© iStock.com/Renata Lendvay

Tourismus in Verbindung mit Landwirtschaft – sogenannter Agrotourismus – erfreut sich in Deutschland wachsender Beliebtheit – nicht mehr nur bei Familien mit Kindern, sondern zunehmend auch bei Paaren, Ruhesuchenden, Naturliebhabern und Gästen mit Interesse an nachhaltigen Reiseformen. Laut dem Bundesinformationszentrum Landwirtschaft gaben 2023 rund 10,12 Millionen Personen an, Urlaub auf dem Bauernhof oder dem Land zu bevorzugen – ein Anstieg um 13,3 Prozent gegenüber 2020. Eine Umfrage des Bundesverband Urlaub auf dem Bauernhof und Landtourismus e.V. (2024) zeigt zudem, dass etwa 87 Prozent der Anbieter gleichbleibende oder gestiegene Buchungszahlen im Vergleich zu vor der Corona-Pandemie verzeichneten. Diese Entwicklung unterstreicht die zunehmende Attraktivität des Agrotourismus über klassische Zielgruppen hinaus. Immer mehr landwirtschaftliche Betriebe erschließen sich daher neue Einkommensquellen durch touristische Zusatzangebote – etwa im Rahmen von Urlaub auf dem Bauernhof, Hofläden oder Erlebnisführungen. Diese Angebote bieten nicht nur wirtschaftliche Perspektiven, sondern stärken auch die regionale Wertschöpfung und erhöhen die Sichtbarkeit landwirtschaftlicher Arbeit. Besonders im ländlichen Raum wächst die Bedeutung des Agrotourismus als zukunftsfähiges Geschäftsmodell.

Trotz der wachsenden Beliebtheit des Geschäftsmodells Agrotourismus stoßen viele Betriebe an strukturelle Grenzen. Ihnen fehlt es häufig an personellen Ressourcen, digitaler Infrastruktur und strategischer Ausrichtung, um touristische Angebote effizient zu vermarkten oder automatisiert bereitzustellen. Eine Erhebung im Rahmen des Projekts „Digitalisierungsoffensive Ostbayern–Oberösterreich (Interreg BY-AUT)“ zeigt, dass viele dieser Betriebe bislang weder über Systeme zur Online- oder Echtzeitbuchung verfügen noch digitale Prozesse umfassend nutzen. Auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz bleibt weitgehend ungenutzt.

Allgemein schreiben touristische Akteure der Digitalisierung bis 2030 eine höhere Relevanz als Nachhaltigkeit oder Fachkräftemangel zu (Quack et al. 2023), dabei bleibt der Einsatz spezifischer Technologien wie Künstlicher Intelligenz bislang marginal – insbesondere im Mittelstand fehlt es häufig an klaren Strategien zur Umsetzung. Eine Studie des Bayerischen Zentrum für Tourismus (John & Müller 2024) zeigt, dass 57 Prozent der befragten Unternehmen Künstliche Intelligenz (KI) bisher nur in sehr geringer Intensität nutzen und 71 Prozent ihren eigenen Wissensstand zum Thema KI als mittelmäßig bis (sehr) gering einschätzen. Europaweit nutzen nur acht Prozent der Beherbergungsbetriebe KI-gestützte Anwendungen, aber 23 Prozent planen deren Einführung in den nächsten sechs Monaten, was zu einer Vervierfachung der KI-Nutzer im Beherbergungsgewerbe führen könnte (Shanhong 2023). Diese Zahlen zeigen, dass KI für touristische Betriebe zwar an Relevanz gewinnt, ihr Potential jedoch noch kaum ausgeschöpft wird und es an Wissen fehlt. Langfristig wird es entscheidend sein, Unternehmen dabei zu unterstützen, die KI strategisch in der Customer Journey einzusetzen, um sich wettbewerbsrelevante Vorteile zu sichern.

Dabei liegt in der Nutzung von KI ein vielversprechender Hebel: Während landwirtschaftliche Betriebe im Produktionsbereich bereits als Vorreiter beim Einsatz digitaler Technologien und KI gelten – 90 Prozent nutzen digitale Verfahren (Bitkom 2024a), fast die Hälfte beschäftigt sich aktiv mit KI (Bitkom 2024b) – wird dieses Wissen bislang kaum auf den touristischen Betriebszweig übertragen. Eine gezielte Integration von KI in agrotouristische Abläufe könnte jedoch helfen, Prozesse zu automatisieren, Angebote zu personalisieren und Buchungen effizienter abzuwickeln – und somit die Wettbewerbsfähigkeit dieser Betriebe nachhaltig stärken.

Aus dieser Vorreiterrolle von rein landwirtschaftlichen Betrieben im Einsatz von KI ergibt sich, dass touristische Betriebe – insbesondere im Bereich Agrotourismus – die bestehende Technologieaffinität aus der Landwirtschaft nutzen können, um diese Expertise auf ihre touristischen Prozesse zu übertragen und so ihr Angebot und ihre Betriebsabläufe in diesem Segment zu optimieren. Gleichzeitig stellen die Einnahmen aus dem Tourismus für agrotouristische Betriebe eine wichtige ergänzende Einnahmequelle zu den Einnahmen aus der Landwirtschaft dar (Streifeneder 2016). Durch Prozessoptimierung sowie die Optimierung vorhandener Wertschöpfungspotentiale, insbesondere durch digitale Technologien und KI, könnte der Agrotourismus in Bayern langfristig gestärkt werden.

Vor diesem Hintergrund soll das diesem Antrag zugrundeliegende Forschungsvorhaben folgende zentrale Forschungsfrage beantworten: Welches Entwicklungspotenzial bietet Künstliche Intelligenz für den Agrotourismus in den Bereichen Angebotsentwicklung und Prozessoptimierung – und wie kann dieses Potenzial gezielt ausgeschöpft werden? Hieraus ergeben sich folgende thematische Schwerpunkte:

  • Verständnis von KI: Wie definieren und verstehen Betriebsinhaberinnen KI? Welche Assoziationen, Missverständnisse oder Hemmnisse bestehen?
  • Einstellung zu KI: Wie hoch ist die Akzeptanz von KI im Agrotourismus? Welche Faktoren beeinflussen die Einstellung gegenüber KI-gestützten Lösungen?
  • Nutzung von KI: Wie verbreitet ist der Einsatz von KI in agrotouristischen Betrieben? Welche bedarfsorientierten Anwendungen unterstützen konkret Angebotserweiterung und Prozessoptimierung in den Betrieben?
  • Chancen & Rahmenbedingungen von KI: Welche Chancen oder Bedenken sehen Betriebsinhaberinnen beim Einsatz von KI im Arbeitsalltag? Wo besteht der größte Unterstützungsbedarf in der Angebotserweiterung und Prozessoptimierung durch KI? Welche Rahmenbedingungen sind dafür notwendig?
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Projektverantwortung

Projektleitung: Dr. Stefan Mang (Centrum für Marktorientierte Tourismusforschung – CENTOURIS, Universität Passau)